JOB & KARRIERE

Unterkühlte Stimmung im Vorstellungsgespräch?

Draußen flimmert der Asphalt bei sommerlichen Temperaturen, aber kaum öffnet sich die Tür zum Bewerbungsgespräch, schlägt dir gefühlte Arktis-Luft entgegen. Kurze Begrüßung, ernste Gesichter, und die Fragen fühlen sich eher nach Verhör als nach Kennenlernen an.

Gerade wenn du im Retail, im Store-Management oder im Kosmetik-Vertrieb arbeitest, kann einen so eine Stimmung schnell mal aus dem Rhythmus bringen. Schließlich sind wir es in der Hair & Beautybranche gewohnt, über Emotionen, Ausstrahlung und echten Kundenkontakt zu punkten. Wenn da vom Gegenüber null Schwingung zurückkommt, fängt der Kopf oft an zu rattern: „Habe ich was Falsches gesagt? Mögen die mich nicht?"

Aus meiner Erfahrung als Bewerbungs-Coach kann ich dir versichern: In den seltensten Fällen liegt es an dir. Vielleicht hatten die Interviewenden selbst einfach einen langen, anstrengenden Tag,  persönliche Sorgen oder direkt vorab ein unangenehmes Meeting (schließlich sind wir alle nur Menschen). Das Wichtigste ist: Du bist der Situation nicht hilflos ausgeliefert. Mit diesen vier praxiserprobten Tipps taust du die Stimmung auf und nimmst dein Gegenüber für dich ein.

1. Vibe Check: Erst mal die Lage peilen, statt direkt reinzustürmen

Vielleicht hast du es im Vertrieb oder auf der Verkaufsfläche selbst schon erlebt: Menschen kaufen am liebsten von Menschen, die ihnen ähnlich sind. Wenn dein Gegenüber also sehr distanziert und formal agiert, ist überschwängliche Euphorie erst mal Fehl am Platz. Wenn du in so einem Moment mit 150 % Energie, schillernder Begeisterung und einem riesigen Strahlen konterst, ist es ein bisschen so, als würdest du mit Konfettikanone und Party-Hits eine laufende Yoga-Meditation stürmen. Das Timing stimmt einfach nicht.

Was du zuallerst tun kannst? Erstmal ankommen! Atme tief durch, mach einen kurzen Vibe Check und passe dich in den ersten Minuten dem Tempo und der Tonalität an. Spricht die Person ruhig und sachlich? Antworte ebenso strukturiert. Sobald eine gemeinsame Basis steht, lockert sich die Stimmung oft von alleine. Jetzt kannst du Schritt für Schritt deine natürliche Begeisterung einbringen. Du holst sie quasi da ab, wo sie stehen, und ziehst sie langsam auf deine Seite.


2. Erzähl Geschichten, statt Bulletpoints vorzulesen

Wenn die Stimmung steif ist, helfen echte Geschichten aus der Praxis, die sofort Bilder im Kopf erzeugen. Zahlen, Daten und Fakten im Lebenslauf sind wichtig, erzeugen aber selten emotionale Nähe. Was wirklich neugierig macht, sind die Stories dahinter. Was im Parfümerie-Verkauf oder im Markting für Kosmetikprodukte funktioniert, gilt nämlich auch für dich persönlich: Fakten informieren, aber Geschichten verkaufen.

Wie dir das am einfachsten gelingt? Verknüpfe deine Antworten mit konkreten Situationen aus deinem Joballtag. Wenn zum Beispiel die Frage kommt: „Wie gehen Sie mit schwierigen Kunden um?“, konterst du nicht mit Standard-Floskeln wie: „Ich bin sehr empathisch und lösungsorientiert.“ Bring sie lieber dazu, deine deine Arbeitsweise zu erleben: „Ich hatte letzte Woche eine Kundin, die absolut unzufrieden war. Ich habe ihr erst mal ganz ruhig, ohne Wenn und Aber zugehört und den Blickkontakt gehalten - das hat sofort den Druck rausgenommen...“ Solche Praxisbeispiele verändern die Raumtemperatur sofort, weil dein Gegenüber plötzlich fasziniert zuhört und ein klares Bild von dir vor Augen hat, statt nur Punkte auf einer Liste abzuhaken.


3. Zeig echtes Interesse und mach das Verhör zum Dialog

Wer fragt, der führt - das gilt im Kundengespräch am Counter genauso wie im Jobinterview. Wenn du nur brav darauf wartest, dass die nächste Frage auf dich abgefeuert wird, kann die Stimmung steif bleiben. Mein Tipp: Hol dein Gegenüber mit Fragen, die ins Erzählen bringen, aus seiner Rolle raus. Menschen reden nämlich meist unglaublich gerne über ihre eigene Arbeit – das gilt auch für Vorgesetzte und Personaler. 

Wie das in der Praxis funktioniert? Nutze das Ende deiner eigenen Antwort als elegante Überleitung, um den Ball direkt zurückzuspielen. Wenn die Frage kommt: „Wie priorisieren Sie Ihre Aufgaben, wenn es im Store stressig wird?“, antwortest du erst ganz normal: „Ich strukturiere den Tag morgens vor dem Floor-Meeting, lasse mir aber Puffer für Unvorhergesehenes. Am Ende entscheidet ja immer das Kundenerlebnis.“ Und genau jetzt nutzt du den Schwung für eine Gegenfrage, die die Expertise deines Gegenübers anspricht: „Wie läuft die Aufgabenverteilung bei Ihnen – nutzen Sie dafür feste Routinen oder digitale Tools?“

Alternativ passt auch ein strategischer Blick in die Zukunft: „Wenn Sie auf die kommenden Monate schauen: Was ist aktuell die spannendste Herausforderung oder das nächste große Projekt, das hier im Store oder im Vertrieb ansteht?“ oder „Sie kennen das Unternehmen am besten. Was denken Sie, ist die wichtigste Eigenschaft, um diese Position erfolgreich auszufüllen?“ 

Schon ist das Verhör-Gefühl verflogen. Ab dem Moment redet ihr auf Augenhöhe über die Praxis und du erfährst du gleichzeitig direkt aus erster Hand, worauf es wirklich ankommt, um den Job zu bekommen und bringst diejenigen dazu, dich zumindest schon virtuell mit in die Planung aufzunehmen.


4. Lass dich nicht verunsichern (Manchmal ist es ein Test)

Der wichtigste Punkt zum Schluss: Wenn der Funke trotz all deiner Bemühungen nicht sofort überspringt, bleib ganz bei dir. Eine kühle Fassade oder eine ungemütliche Frage sind im Kosmetik-Vertrieb oder im Luxus-Einzelhandel – besonders wenn es um Führungspositionen, Store-Leitungen oder die Betreuung von Key Accounts geht – manchmal schlicht ein Stresstest. Vielleicht will die Gegenseite einfach nur testen, wie du reagierst, wenn es mal ungemütlich wird.

Mein Rat an dich an dieser Stelle: Lass dich auf keinen Fall anstecken oder verunsichern. Wenn dein Gegenüber die Arme verschränkt und skeptisch guckt, ist das sein Zustand, nicht deiner. Bleib locker, halte den Blickkontakt und schenk ihnen ein ehrliches Lächeln.

Klappt nicht so einfach? Dann stell kurz das Kopfkino an und mal dir aus, was der Person heute schon alles passiert sein könnte – und was definitiv absolut null mit dir zu tun hat (von Beauty Fauxpas über Zuckerentzug bis Technik Trouble). Zieh dir die Stimmung des Gegenübers also gar nicht erst an. Sobald du dir merkst, dass da einfach nur ein Mensch mit einem ganz normalen (oder verpatzten) Alltag vor dir sitzt, fällt es plötzlich viel leichter, die Arktis-Luft im Raum wegzulächeln.

Eine persönliche Story dazu aus meinen eigenen Anfängen: Mich hat mal eine Personalerin im Gespräch völlig von der Seite erwischt und gefragt: „Was wollen Sie denn mit Ihrer Vita bitte sonst machen?“ Ich war im ersten Moment total angefasst – wer wäre das nicht? Zum Glück habe ich mich zusammengerissen und bin cool geblieben. Jahre später gestand sie mir mit einem Augenzwinkern: Sie stellt diese Frage fieserweise öfter, um zu sehen, ob man wirklich an dieser einen Stelle interessiert ist und nicht noch weitere Eisen im Feuer hat... 

 

Fazit: Du bestimmst den Vibe!

Lass dich von einer kühlen Atmosphäre im Vorstellungsgespräch nicht einschüchtern. Vertrau auf deine Expertise und deine Soft Skills, die dich in deinem täglichen Job im Beauty- und Retail-Business so erfolgreich machen. Mit der richtigen Wellenlänge, starkem Storytelling und klugen Gegenfragen hast du das perfekte Werkzeug in der Hand, um das Eis zu brechen und das Gespräch aktiv mitzugestalten.

Los geht's, 

Anja

 

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